"Wenn ich..."

JVA, Bielefeld-Senne

Offen für Einflüsse und Entwicklungen der Außenwelt. Radulovics Werk „Wenn ich…“ sorgt für einen Perspektivwechsel in der Justizvollzugsanstalt Brackwede II.

Kunst
Künstler*inVeronika Radulovic
MaterialFassadenfarbe auf Beton, 40 Zeichnungen (41x30cm)
TechnikMischtechnik, Raumgestaltung
Bau
AdresseZinnstr. 33
33649 Bielefeld
StandortFreistundenhof und Funktionsraum Friseur
Route in Google Maps
Zugänglichkeit

Nicht offen zugänglich

Karte
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"Haft als Chance"

Die JVA Bielefeld-Brackwede II, heute auch bekannt als JVA Bielefeld-Senne. Ein Ort, der offen sein soll für Einflüsse von außen und der den Gefangenen Raum gibt, über das Geschehene zu reflektieren.

Um den Gefangenen für die Zeit ihrer Inhaftierung ein Lebensumfeld zu bieten, das zur Mitarbeit und Neuorientierung einlädt, wurde die Umsetzung eines Kunst-am-Bau-Objektes diskutiert, für das schließlich Veronika Radulovic gewonnen werden konnte.

Aufgrund ihrer vielfältigen Kompetenzen sollte es ihr gelingen, die Stimmen der Insassen einzufangen und ihre Erfahrungen und Wünsche in ein anregendes Gesamtkunstwerk umzusetzen.

Mit einem Team aus Malermeistern, Handwerkern, Tischlern, einem Dachdecker und wechselnden Helfern wurden nach Radulovics Angaben in einer wetterbedingten Bauzeit von rund einem Jahr fünf zusammenhängende Werke geschaffen:

Beginnend mit der farblichen Gestaltung der Säule im Eingangsbereich, über die farbliche Gestaltung des Freistundenhofes innen und außen, die farbliche und bauliche Neugestaltung des Funktionsraumes Friseur und die farbliche Gestaltung des Flurbereiches vor dem Funktionsraum. Dazu gehört auch die Zweitnutzung des Funktionsraumes und des Flurbereiches für die Zeichnungen, die im Gespräch mit den Gefangenen entstanden sind.

Veronika Radulovic blickt bis heute positiv auf das Projekt zurück und äußert sich wie folgt:

„Ich glaube, dass die Häftlinge nach ihrer anfänglichen Ablehnung ("Kunst? Jetzt kommen die auch noch mit so 'nem Scheiss") dieses Projekt für sie interessant und auch abwechslungsreich war, was ihre Tätigkeiten in der JVA betraf.“

Kunst als Dialog

Für ein tieferes Verständnis setzte sich Radulovic über acht Monate hinweg mit den Gefangenen auseinander, fragte nach ihrem Leben, lernte Meinungen kennen und aus Anonymitäten wurden Namen mit Charakterzügen.

„Es ist einfach passiert.“

„Meine Tochter ist eine richtige Süße. Ich möchte, dass sie das nie erfährt, dass ich hier war. […]“

„Muss man mal sehen was wird. Weiß noch nicht.“

Oft stand das „Ich“ mit vielen Eventualitäten im Mittelpunkt, was die Künstlerin dazu veranlasste, ihre Arbeit „Wenn ich…“ zu entwickeln, die sich in mehrere Teile gliedert.

Angefangen mit einer Säule im Eingangsbereich der JVA, die den Satz „Wenn ich heute …“ ziert. Eingefasst in vier Farben und umrahmt vom neutralen Grau des Raumes. Ein Satzanfang, der für viele Passanten ein anderes Ende besitzen könnte:

„Wenn ich heute nicht hier wäre, dann…“ „Wenn ich heute Feierabend habe…“ „Wenn ich heute anders entschieden hätte…“

Das gleiche Farbschema findet sich auch an der Wand des Freistundenhofes wieder, wo ein weiterer Teil des Satzes zu lesen ist: „vieles was passiert ist, anders sehe als gestern …“. Der Ort wurde gemeinsam mit den Insassen ausgewählt, da viele mit der Gestaltung und Funktion des Freistundenhofes unzufrieden waren. In Radulovics Gesprächsnotizen ist zu lesen, dass einige ihn am liebsten abreißen würden. Ein Wandbild mit einem schönen „Ausblick“ wurde von der Künstlerin jedoch als unpassend empfunden. Eine Betonwand bleibt schließlich eine Betonwand, egal wie schön man sie bemalt.

Auch der Funktionsraum Friseur der JVA wurde neugestaltet. Warme Farben und Bilder, die in Gesprächen entstanden sind und deren Inhalte widerspiegeln, zieren nun die Wände des Raumes. Hinter dem Friseurstuhl an der Wand eine weitere Fortsetzung des Satzes: „… ist es dann nicht konsequent, etwas Neues auszuprobieren?“

Diese Satzfragmente sind wieder gesammelt und mehr oder weniger sichtbar an den Außenwänden des Freistundenhofes, zur Straßenseite hin, zu finden.

„Wenn ich heute vieles, was passiert ist, anders sehe als gestern, ist es dann nicht konsequent…“ „etwas Neues auszuprobieren?“

Ein Satz mit einer direkten Fragestellung. Anregend, um über sich selbst und seine Situation nachzudenken oder auch wirkend wie eine Art Mahnmal. Ob inhaftiert in der JVA, als frisch entlassener Bürger oder auch als Außenstehender.

Ein Gespräch als Bild

Die Zeit, die Radulovic in den acht Monaten mit den Insassen verbrachte, hinterließ Eindrücke. Sie fertigte insgesamt 40 Zeichnungen an, die jeweils ein Maß von ca. 41x30 cm einnehmen. Diese enthalten unter anderem Zitate der Häftlinge, Zeichnungen ihrer Tattoos, ihre Haare, sowie auch eigene Zeichnungen von Radulovic.

Die Zeichnungen fanden im Funktionsraum Friseur und im davorliegenden Flurbereich ihren Platz. Sie sind Teil des Gesamtkonzepts des Werkes, das hauptsächlich auf der Zusammenarbeit mit den Häftlingen basierte. Mit den Zeichnungen sollen das Interesse für Kunst und die eigene Kreativität in den Insassen geweckt werden und für einige eine Erinnerung an die vergangenen Gespräche sein.

Galerie
Vita

Veronika Radulovic, 1954 in Delbrück (NRW) geboren, lebt und arbeitet heute in Berlin.

Von 1977 bis 1983 absolvierte Radulovic ihr Studium für Visuelle Kommunikation an der Fachhochschule in Bielefeld.

Im Wintersemester 1988/89 unterrichtete sie als Gastdozentin an der Kunstschule Szentendrei Nyari Kepzömüveszeti Szentendre/Budapest in Ungarn. 1993 verbrachte Radulovic ein Jahr in der „Artist Village“ in Singapur und 1994 bis 1999 war sie als Gastdozentin über den Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) an der Kunstakademie Hanoi/Saigon/Hue in Vietnam.

1997 erhielt Radulovic das Stipendium des Landes Nordrhein-Westfalen Transfer und verbrachte damit einen Aufenthalt in Polen. 2004 kehrte sie über das DAAD als Langzeitdozentin an die Kunstakademie in Hanoi zurück.

2007 beteiligte sich Radulovic an dem Programm Kunst in Schulen (K.I.S.) in der Abteilung Bildung und Kultur im Berliner Bezirksamt Mitte und 2008, sowie 2010 war sie Teil der Open Academy in Zusammenarbeit mit Ryllega Hanoi, dem Goethe Institut Hanoi und dem Senat Berlin.

Weitere Informationen
LinksVollständige Vita - Radulovic
Freistundenhof - Radulovic
QuellenRadulovic, Veronika: Wenn ich..., Bielefeld, BLB NRW, 2007, 28 Seiten Broschüre Kunst und Bau 1998-2007,S. 27