Foto: Michael Rasche

Ohne Titel (Fassade) • Justizzentrum Aachen, Parkhaus

„Rotnasig“, „Feldhuhn“, „Abbiegen“ – mit scheinbar zufällig gewählten Wörtern machte Rémy Zaugg ein Parkhaus zum architektonischen Aushängeschild.

Die 2007 eröffneten Erweiterungsbauten des Aachener Justizzentrums vervollständigen das historische Gebäudeensemble am Adalbertsteinweg. Amts-, Land-, Verwaltungs-, Sozial- und Arbeitsgericht sowie die Staatsanwaltschaft, die sich zuvor auf mehrere Standorte im Stadtgebiet verteilten, haben nun eine gemeinsame Adresse. Auf 40.000 Quadratmetern Nutzfläche sind Sitzungssäle, Hochsicherheitssäle, Verwaltungsgebäude, Bibliothek und Archive untergebracht.

Die Neubauten von Weinmiller Architekten setzen die Struktur des denkmalgeschützten Bestandes aus dem 19. Jahrhundert mit einer Abfolge von zusammenhängenden Häusern und Höfen fort. Die Haupterschließung führt durch das bestehende Torgebäude am Adalbertsteinweg in einen großzügigen, ruhigen Eingangshofdirekt auf einen zentralen Baukörper zu, um den sich Alt- und Neubauten gruppieren. Eingebettet ist der Komplex in den von Vogt Landschaftsarchitekten gestalteten Park. Die neuen Gerichtsbauten orientieren sich alle zum Innenbereich des Ensembles bzw. zum Park.

Die repräsentative Eingangsfassade, mit der sich klassische Justizbauten zum öffentlichen Straßenraum öffnen, fehlt. Und so fällt dem an die Straße angrenzenden Parkhaus diese Aufgabe zu. Ein technisches Bauwerk wird zur architektonischen Visitenkarte – funktionale Anforderungen treffen auf künstlerische Gestaltung. „Der Zweck eines solchen Gebäudes ist trivial und ödet an. Dem Künstler obliegt es, diesen lang gestreckten Baukörper zu humanisieren,“ so beschreibt Rémy Zaugg seinen Auftrag. In Zusammenarbeit mit dem renommierten Schweizer Künstler entwickelten die Architekt*innen die Großgarage, deren Front aus versetzt gestapelten Betonpanelen besteht, 2.500 jeweils 4,5 Meter lange Fertigteilen, deren gitterhafte Anordnung eine natürliche Belüftung der dahinter liegenden Parketagen ermöglicht. Der rot eingefärbte Beton nimmt Bezug auf den Backstein der Altbauten.

Auf den Quadern sind Wörter in Großbuchstaben eingetieft: „BEJUBELN“, „TADELLOS“, „OHNEDIES“, „HUCKELIG“ und andere Substantive, Adjektive, Verben und Adverbien. Alle Wörter sind gleich lang und erstrecken sich jeweils über die gesamte Breite der Betonelemente. An der Straßenseite ist die ganze Fläche mit Wörtern überzogen, auf der Rückseite finden sie sich nur auf wenigen Elementen. „Das Justizzentrum ist ein Ort der Rede. Der künstlerische Eingriff bedient sich ebenfalls der Wörter,“ so Zaugg. Dennoch weisen die Begriffe keinen unmittelbaren Bezug zum Ort oder der Funktion der Architektur auf. „FELDHASE“, „MURMELN“, „GEWALTIG“. Wie zufällig ausgewählt und zusammenhanglos lösen die Wörter Assoziationen aus und laden dazu ein, sie in eigene Geschichten einzubinden.

„Die barocke Fülle an Konzepten wird überraschen und erstaunen. Man dürfte sich ihrer erinnern. Sie dürfte dem Ort seine Identität geben oder zumindest zu seinem Aushängeschild oder seiner Visitenkarte werden,“ mutmaßte der 2005 vor Fertigstellung des Werks verstorbene Künstler. Er hat Recht behalten.

Vita

Rémy Zaugg, geboren 1943 in Courgenay, lebte und arbeitete in Basel (CH) und Pfastatt (FR). Der Schweizer Konzeptkünstler besuchte die Kunstgewerbeschule Basel. 1970 und 1971 erhielt er das Eidgenössische Kunststipendium, 1990 den Kunstpreis der Stadt Basel. Neben seinem vielschichtigen praktischen Schaffen, das Malerei, Papierarbeiten, Skulpturen und architektonische Entwürfe einschließt, verfasste er auch kunsttheoretische Werke und urbanistische Studien. Er arbeitete eng mit Architekt*innen zusammen, vor allem mit dem Büro Herzog & de Meuron, mit dem er rund 15 Projekte realisierte, darunter den Erweiterungsbau des Aargauer Kunsthauses, die Einkaufspassage „Fünf Höfe“ in München und das Studio des Künstlers in Pfastatt. Rémy Zaugg starb 2005 in Arlesheim.

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