Weltkugel

Stadtgymnasium, Detmold

Eine Kugel als Sinnbild für Weltoffenheit, Lernfähigkeit und stetige Veränderung. – Hinnerk Wehbergs „Weltkugel“ am Stadtgymnasium Detmold.

Kunst
Künstler*inHinnerk Wehberg
Entstehungszeit1966–1967
MaterialGussbeton mit Reliefoberfläche
TechnikSchalungsguss (in möglichst glatter Schalung)
Maßeca. 2,5–3 m Durchmesser
VerfahrenGeladener Wettbewerb unter 5 Künstler*innen
KostenÜber 40.000 DM insgesamt (inkl. Flügelskulptur)
Bau
AdresseMartin-Luther Straße 4
32756 Detmold
BauherrStadt Detmold
StandortInnenhof des Stadtgymnasiums
Route in Google Maps
Zugänglichkeit

Außerhalb der Schulzeiten offen Zugänglich

Karte
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Ein Sinnbild des Lernenden

Vor dem Detmolder Gymnasium steht eine Kugel aus Beton, die zugleich schlicht und kraftvoll wirkt. Mit einem Durchmesser von rund zwei bis drei Metern erhebt sie sich als massives Volumen – schwer, kompakt und beinahe unbeweglich. Hinnerk Wehberg schuf die „Weltkugel” 1966/67 im Rahmen eines Kunst-am-Bau-Wettbewerbs, zeitgleich mit der benachbarten Flügelskulptur. Ursprünglich war sie als Brunnen geplant, sodass Wasser über ihre Oberfläche rannen, ihre Struktur hervorgehoben wurde und sie in Bewegung versetzt wurde.

Ihre Oberfläche ist von reliefartigen Bahnen durchzogen, die an tektonische Platten oder die grobe Andeutung von Kontinenten erinnern. So erfüllt die Kugel ihren Titel, ohne topografische Genauigkeit anzustreben. Über die Jahre haben sich matte Partien und dunkle Spuren gebildet – Spuren des Wassers, das sie einst belebte. Diese Zeichnungen erzählen von Zeit und Nutzung und machen die Skulptur zu einem nicht abgeschlossenen, sondern fortwährend im Prozess befindlichen Objekt.

Ihre räumliche Wirkung entfaltet die „Weltkugel“ vor allem im Dialog mit der Architektur des Schulgebäudes. Während dieses durch klare Raster bestimmt ist, setzt die Kugel einen bewussten Gegenpol. Sie wirkt geometrisch rein und zugleich unnahbar. Im öffentlichen Raum erscheint sie wie ein Fixpunkt: schwer, still, präsent. Wer sie jedoch umkreist, erlebt eine Wandlung. Mal wirkt sie geschlossen und abweisend, dann wieder offen, als ob sich in den Schatten und Reliefs neue Bilder zeigen würden.

Auf symbolischer Ebene ist die Kugel mehr als eine abstrakte Erde. Sie steht für den Anspruch der Schule: Weltoffenheit, Neugier und den Drang, die Welt zu begreifen. In Verbindung mit ihrer ursprünglichen Funktion als Brunnen offenbarte sie eine zweite, flüchtigere Dimension. Das Wasser ließ sie glänzen, reflektierte das Licht und verwandelte ihr Erscheinungsbild unablässig. So wurde die „Weltkugel“ zum Sinnbild eines lernenden, sich verändernden Geistes – wachsend, suchend, niemals statisch.

Eine Debatte über Grün und Beton

Doch genau diese Offenheit sorgte in den 1960er-Jahren für Diskussionen. Viele sahen in der Kugel – ebenso wie in der Flügelskulptur – ein rätselhaftes Experiment, das nur wenig Bezug zu Schule und Alltag habe. In den Leserbriefspalten war von „aufgeplatzten Kugelmonumenten” die Rede, andere bezeichneten das Werk als zu teuer oder forderten, das Geld solle lieber in Grünanlagen investiert werden.

Demgegenüber standen jedoch auch Stimmen, die mehr Toleranz forderten. Kunst müsse nicht gefallen, sondern dürfe irritieren, provozieren und neue Zeichen setzen. Wehbergs „Weltkugel“ wurde somit auch als Symbol gelesen: als offener Körper, der nicht auf eine einzige Deutung festgelegt ist.

Zwischen Abwehr, Spott und Zustimmung wurde hier ein grundlegendes Thema diskutiert: Welche Rolle soll Kunst im Alltag spielen? Soll sie den Alltag verschönern, provozieren, Orientierung geben oder Widerspruch erzeugen?

In diesem Spannungsfeld bewegt sich die Skulptur bis heute. Sie ist nicht nur eine Kugel aus Beton, sondern auch ein Stück Geschichte – eine Manifestation jener Zeit, in der Kunst, Architektur und Öffentlichkeit neu verhandelt wurden.

Galerie
Vita

Hinnerk Wehberg wurde 1936 in Osnabrück geboren. Nach einem Malereistudium an der Hochschule für bildende Künste Hamburg (1957–1962) arbeitete er zunächst als freier Maler und Bildhauer und realisierte zahlreiche Kunst-am-Bau-Projekte. 1963 führte ihn ein Stipendium des British Council für ein Jahr nach London, wo er bis 1970 als Gastdozent am Hornsey College of Fine Art lehrte. Parallel dazu unterrichtete er von 1966 bis 1969 an der Hochschule für Künste Bremen. 1969 gründete er in Hamburg das Büro Wehberg-Lange, das heute unter dem Namen WES LandschaftsArchitektur bekannt ist. Von 1982 bis 2002 war er Professor am Institut für Städtebau und Landschaftsplanung der TU Braunschweig. Seine Kunst-und-Bau-Arbeiten – oft in Zusammenarbeit mit seiner Ehefrau, der Bildhauerin Frauke Wehberg-Wulff – sind in zahlreichen deutschen Städten zu finden, darunter im Deutschen Bundestag. Er ist Mitglied der Freien Akademie der Künste Hamburg und Träger des Fritz-Schumacher-Preises (1992) sowie des Friedrich-Ludwig-von-Sckell-Ehrenrings (2005). Wehberg lebt in Hamburg und ist weiterhin als Berater und Repräsentant von WES tätig.

Weitere Informationen
QuellenCarsten Paul - Schulleiter Stadtgymnasium Detmold (persönliche Kommunikation) 22.03.2024 Hinnerk Wehberg (persönliche Kommunikation); 24.07.2025;14:15 Uhr Lippische Landeszeitung 201. Jahrgang/ Nr. 251 - Sonnabend, 28. Oktober 1967 Leserbriefe und Memoriam der Lippischen Landeszeitung auf den Artikel vom 20. Oktober 1967