Loop. Elisa Balmaceda, Philipp Dreber, Thomas Schmidt, 2019. Foto: Jürgen Schmidt

"Die Kunst steht im Weg" – Kunst-und-Bau-Projekte an der Uniklinik Köln

Vom Sgraffito bis zur Lichtinstallation: Seit den 1950er Jahren ist Kunst fester Bestandteil der baulichen Entwicklungen auf dem Campus der Kölner Uniklinik.

„Die Kunst steht im Weg. Und das soll sie auch“, sagt der Bildhauer Philipp Dreber über die Installation „Loop“, die er gemeinsam mit Elisa Balmaceda und Thomas Schmidt vor dem Neubau des Centrums für Integrierte Onkologie der Uniklinik Köln realisiert hat. Damit meint Dreber nicht nur die räumliche Position der mit drei Metern Höhe kaum übersehbaren Edelstahlschleife auf einem der Hauptfußwege über das Krankenhausgelände. „Wir wollten die Passanten mit unserem Kunstwerk konfrontieren. Uns war es wichtig die Vielschichtigkeit dieses Ortes und die Diversität der Menschen bewusst zu machen“, so Dreber anlässlich der Einweihung des Kunstwerks im September 2020. Die spiegelnde Oberfläche reflektiert die von kadawittfeldarchitektur entworfene farbige Fassade des Ambulanzgebäudes und seine bauliche Umgebung, aber auch die Studierenden, Pflegekräfte, Ärztinnen, Forscher und Patienten, die sich auf dem Campus bewegen.

Die Plastik ist das jüngste von mehr als 20 Kunstwerken, die seit den 1950er Jahren auf dem Kölner Klinikgelände entstanden. Mit fast jedem Neubau wurde eine Skulptur, eine Lichtinstallation oder eine Wandgestaltung realisiert. Auch in den aktuellen Planungen zur architektonischen und städtebaulichen Weiterentwicklung des Campus bleibt Kunst ein fester Bestandteil. Mit diesem konsequenten Vorgehen nimmt die Uniklinik Köln eine Vorreiterrolle in Nordrhein-Westfalen ein.

Die Architektur der Uniklinik Köln

An den 80 Gebäuden der Uniklinik Köln lässt sich ihre hundertjährige Geschichte ablesen, wenngleich von den gründerzeitlichen Pavillonstrukturen nach starken Kriegszerstörungen nur noch wenig erhalten ist. Nach 1945 zählten der Wiederaufbau und später der Ausbau der Krankenhäuser zu den größten und wichtigsten Projekten des Kölner Hochbauamtes. In den 1950er und 60er Jahren entstanden Neubauten, die das architektonische Bild des Klinikums bis heute prägen. Den stärksten Akzent setzte das Büro Heinle und Wischer von 1970 bis 1974 mit dem 15-geschossigen Bettenhaus, der 1993 bis 1996 durch einen Neubaukomplex ergänzt wurde. Es folgten die Zentralbibliothek für Medizin sowie weitere Gebäude für Forschung, Lehre und die Versorgung von Patient*innen.

Hauszeichen der Augenklinik. Ernst Wille, 1953. Foto: Jürgen Schmidt
Hauszeichen der Augenklinik. Ernst Wille, 1953. Foto: Jürgen Schmidt
Das Krankenhaus entwickelte sich schrittweise zu einem Klinik- und Forschungsstandort mit einer Fläche von 220.000 Quadratmetern, die sich an den Universitätscampus anschließen. Heute studieren rund 3.000 angehende Mediziner*innen und Zahnmediziner*innen an der Universität Köln. Insgesamt arbeiten fast 11.000 Menschen in den 59 Kliniken und Instituten. Jährlich werden 63.200 stationäre und 312.500 ambulante Patient*innen behandelt.

Vom Sgraffito zur Lichtkunst

Bereits in den 1950er Jahren waren Kunstwerke Teil der architektonischen Planungen. Bis heute wurden mehr als 20 Projekte mit Unterstützung des Kunst-und-Bau-Programm des Landes Nordrhein-Westfalen realisiert. Hinzu kommen private Stiftungen und künstlerische Arbeiten, die gemeinsam mit Studierenden oder Patient*innen umgesetzt wurden. So bildet die Kunst an der Uniklinik Köln ein breites Spektrum verschiedener Stile, Techniken und Materialien ab: vom für die Nachkriegszeit typischen Sgraffito an der Fassade der Augenklinik (Ernst Wille, 1953, Arch. Theodor Teichen) über Skulpturen in Edelstahl oder Beton bis hin zur Lichtinstallationen wie den Leuchtzeichen von Christiane Möbus im Rahmen des Bibliotheksneubaus (1997, Arch. Janofske + Terbüchte).

Krankenhauskirche St. Johannes der Täufer. Arch.: Gottfried Böhm, 1962-65. Foto: Dismas87, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Krankenhauskirche St. Johannes der Täufer. Arch.: Gottfried Böhm, 1962-65. Foto: Dismas87, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Eine besonders enge Verknüpfung von Architektur und Kunst schuf Gottfried Böhm mit der Krankenhauskirche St. Johannes der Täufer (1962–1965), einem Sichtbetonbau mit auffälliger Dachgestaltung. Böhm entwarf auch das umlaufende Fensterband aus farbigem Glas mit einer abstrakten Darstellung des Kreuzwegs.

Die langjährige Tradition von Kunst und Bau setzte sich nach 2001 fort, als die Universitätsklinik als Anstalt des öffentlichen Rechts eine neue Struktur erhielt. Die Planungs- und Bauaufgaben, die zuvor der städtischen Bauverwaltung oblagen, übernahm die im Jahr 2003 neugründete Tochtergesellschaft medfacilities. Seitdem wurden zahlreiche Bestandsbauten saniert und neue Gebäude errichtet, darunter das Herzzentrum mit der Skulptur "Dialog" von Wolfgang Göddertz (2007) und das CECAD-Forschungsgebäude mit einer Lichtinstallation von Yoshiyuki Miura und Frank Vetter (2012/13).

„Die Kunst am Bau bereichert unseren Campus. Die Kunstwerke bieten den Menschen, die hier arbeiten, studieren oder gesunden wollen, ein erhöhtes Maß an Lebens- und Aufenthaltsqualität.“

— Prof. Dr. Edgar Schömig, Vorstandsvorsitzender und Ärztlicher Direktor der Uniklinik Köln.

Wie Perlen auf einer Schnur – neue Kunst auf dem Studentenweg

„Loop“ und „Leuchtzeichen“ befinden sich auf dem sogenannten Studentenweg, der sich über das gesamte Klinikgelände erstreckt. In Teilen bereits aufgewertet, soll er in den nächsten Jahren als zentrale, rund 1.200 Meter lange Verbindung zwischen dem Lindenthalgürtel, der das Areal im Westen begrenzt, und dem Hauptgebäude der Universität im Osten weiter ausgebaut werden. Neben einheitlicher Asphaltierung, Niveauangleichung und flankierenden Grün- und Freiflächen zählen auch Kunstwerke zum geplanten Konzept.

Leuchtzeichen, Christiane Möbus, 1997. Foto: Jürgen Schmidt
Leuchtzeichen, Christiane Möbus, 1997. Foto: Jürgen Schmidt

Wie Perlen an einer Schnur sollen sie sich entlang des stark frequentierten Fuß- und Fahrradweges aufreihen, damit die vielen Mitarbeiter*innen, Studierenden und Patient*innen, die sich täglich auf dem Areal bewegen, die Kunstwerke erleben können. Medfacilities setzt dabei vorwiegend auf Arbeiten, die das Medium Licht integrieren, um eine unterschiedliche Wirkung bei Tag und bei Nacht zu erzielen. 1997 gab es bei der Einweihung der „Leuchtzeichen“ an der Bibliothek noch kritische Stimmen aufgrund der hohen Energiekosten. Heute erlaubt moderne LED-Technik eine wartungsarme und preisgünstige Umsetzung.

Hohe Qualität durch Wettbewerbe

Eines der nächsten Projekte entsteht am neuen Forschungsgebäude an der Robert-Koch-Straße, durch das der Studentenweg als Passage führt. Mit der Arbeit „Körpersprache“ wird der Lichtkünstler Detlef Hartung diesen Raum gestalten.

Bei der Auswahl der Künstler*innen setzt medfacilities auf Kunstwettbewerbe, die möglichst früh im Planungsprozess und in Abstimmung mit den entwerfenden Architekt*innen durchgeführt werden. Neben eingeladenen Teilnehmer*innen sollen durch öffentliche Ausschreibungen bewusst auch jüngere und unbekanntere Künstler*innen angesprochen werden. In den Jurys entscheiden Kunstsachverständige und Architekt*innen gemeinsam mit den Nutzervertreter*innen. So werden unterschiedliche Perspektiven abgebildet – von der Pflegedirektorin, die die Belange des Personals und der Patient*innen im Blick hat, über den kunstinteressierten Mediziner, der schon selbst Kunstwerke für seine Klinik finanziert hat, bis zum Betriebsmitarbeiter, der vor allem darauf achtet, dass Pflege und Instandhaltung der Kunstwerke nicht zu aufwändig werden. Joachim Koch, der medfacilities als Berater in den Wettbewerben unterstützt, und Architekt Michael Dannenberg können von vielen engagierten Diskussionen berichten – und von vielen guten Resultaten, die den zusätzlichen Aufwand für die Durchführung der Wettbewerbe gegenüber Direktaufträgen rechtfertigen.

Dialog. Wolfgang Göddertz, 2007. Foto: Jürgen Schmidt
Dialog. Wolfgang Göddertz, 2007. Foto: Jürgen Schmidt
Für die Realisierung der Kunst-und-Bau-Projekte wendet medfacilities rund 0,4 bis 0,5 Prozent der Baukosten auf. Bei der Anmeldung der Mittel sei oft Hartnäckigkeit gefragt, berichtet Michael Dannenberg, Abteilungsleiter für Planung und Baumanagement. Mitunter erfolgt die Bewilligung erst im zweiten Anlauf durch einen Nachtragshaushalt. Wenngleich sich das Land verpflichtet habe, Kunst und Kultur zu fördern, sei eine Umsetzung auch durch den mehrfachen Wechsel der Ressortzuständigkeiten für den Bereich Kunst und Bau in den vergangenen Jahren schwierig geworden. Hier wünscht sich Dannenberg klarere Rahmenbedingungen.

„Kunst heilt“

Dass in den Neubauten auch Kunstwerke realisiert werden, ist unter anderem dem Engagement von Prof. Peter Heinen zu verdanken. Für den Geschäftsführer von medfacilities hat gute Gestaltung in allen Bereichen einen hohen Stellenwert, wie er im Gespräch mit Baukultur Nordrhein-Westfalen betont. Statt einer trostlosen, allein auf funktionale Aspekte ausgerichteten Anlage, soll die Uniklinik auch ästhetische Qualitäten aufweisen. Von den einzelnen Stationen bis hin zu den Außenanlagen seien alle Räume „mit Liebe und einer eigenen Handschrift“ gestaltet. „Kunst heilt“, so Heinen, und das nicht nur durch kunsttherapeutische Angebote, bei denen die Patient*innen selbst aktiv werden, sondern auch durch die visuellen Eindrücke auf dem gesamten Klinikgelände. Heinen ist bereits seit 1991 im Klinikbau tätig. Seine langjährigen Erfahrungen und die vielen positiven Rückmeldungen bestätigen ihm, dass eine gut gestaltete Umgebung einen großen Einfluss auf den Heilungsprozess der Patient*innen und auch auf die Zufriedenheit der Mitarbeiter*innen auf dem Campus hat.

Das bekräftigt auch Ulrike Lörch, Leiterin der Unternehmenskommunikation. Ein Krankenhaus sei für viele erst einmal mit Angst und Ablehnung verbunden. Die Kunst könne bewusst dagegenhalten, indem sie andere Stimmungen erzeuge. Um die Werke noch intensiver erlebbar und erfahrbar zu machen, bietet die Uniklinik unterschiedliche Vermittlungsformate, wie eine Broschüre, Führungen und einen interaktiven Lageplan mit Informationen zur Kunst an. Dabei geht es gar nicht darum, alles zu erklären, sondern zu einer eigenen Auseinandersetzung anzuregen, so wie auch die Kunst selbst Denkanstöße liefern kann.

Konfrontation in Maßen

Während Kunst andernorts gerne auch einmal provozieren und irritieren darf, ist im Klinikkontext Sensibilität gefragt. Scharfe und spitze Formen, die aggressiv wirken und an Spritzen oder Skalpelle erinnern, sind ebenso kritisch wie die Themen Tod und Vergänglichkeit. Die Kunst soll keine zusätzlichen Ängste und Sorgen schüren.

Glyzinienschiff. Klaus Simon. Foto: Michael Rasche
Glyzinienschiff. Klaus Simon. Foto: Michael Rasche
Umstritten war daher auch das Projekt des Künstlers Klaus Simon auf dem Dach der Kinderkrebsklinik, das 1995 realisiert wurde. Wie ein Abenteuerspielplatz für kleine Piraten wirkten das „Glyzinien-Schiff“ und die „Knöterich-Barke“, zwei von Pflanzen überrankte Holzkonstruktionen. Schon von Beginn an mit „Lebens- und Leidensspuren“1 wie den Fraßgängen von Hirschkäferlarven gezeichnet, wurde das Werk dem natürlichen Verfall ausgesetzt und schließlich abgeräumt.

Neben den üblichen bau- und planungsrechtlichen sowie betriebsrelevanten Vorgaben spielen bei Kunstwerken in Krankenhäusern Barrierefreiheit und Hygiene eine besondere Rolle. Wasserspiele etwa sind aufgrund einer möglichen Bakterienbelastung problematisch. „Ein Klinikum stellt andere Anforderungen an Künstler als ein Internetkonzern“, erklärt Michael Dannenberg. Dennoch ist ihm wichtig, dass Sterilität, Funktionalität und Effizienz, die für optimierte Abläufe in vielen medizinischen Bereichen erforderlich sind, nicht für die Kunst gelten müssen. Sie dürfe vielmehr ein Gegengewicht bilden und zum Innehalten einladen.

 

Anmerkungen

(1): Ministerium für Städtebau, Wohnen, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen (MSWKS NRW) (Hrsg.): Kunst und Bau 1986-1997. Düsseldorf, 2001, S. 18

Links

Uniklinik Köln

Medfacilities

 

Kunst und Bau in Kliniken in Nordrhein-Westfalen - Ausgewählte Projekte in der Online-Sammlung

Uniklinik Köln

Ernst Wille: Hauszeichen, Augenklinik

Kurt Lehmann: Aphrodite, HNO-Klinik

Wolfgang Göddertz: Dialog, Herzzentrum

Christiane Möbus: Leuchtzeichen, ZB Med

Yoshiyuki Miura, Frank Vetter: Lichtinstallation, CECAD

Philipp Dreber, Elisa Balmaceda, Thomas Schmidt: Loop, CIO

 

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