Lichtinstallation am Wissenschaftspark Rheinelbe, Gelsenkirchen. Künstler: Dan Flavin, 1996. Foto: Thomas Robbin

Kunst und Bau – eine augenfällige Einheit

Ernst Uhing, Präsident der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen, über den Mehrwert von Kunst-und-Bau-Projekten für Architektur und Stadtentwicklung

Der belgische Architekt und Künstler Henry van de Velde hat einmal postuliert: „Das Wesen aller Künste besteht darin, zu schmücken.“ Nun war Henry van de Velde nicht nur ein großartiger Architekt des Jugendstils, sondern auch ein empfindsamer Schöngeist, für den das Dekorative von Kunst und Architektur von größter Bedeutung war. Sein Zitat ist wohl kurz vor die Gründung des Bauhauses zu datieren, das im Jahr 2019 seinen 100. Geburtstag gefeiert hat. So wichtig van de Velde als Impulsgeber für die Gründung des Bauhauses auch war, so sehr unterscheiden sich doch seine Auffassungen von Kunst und Bau von denen eines Walter Gropius und der Lehre des Bauhauses.

Ich zitiere den großen belgischen Kollegen Henry van de Velde, weil er das Dilemma, in dem Kunst-am-Bau-Projekte häufig stecken, sehr gut auf den Punkt bringt. Gute Architektur ist Baukunst, ist eine Kunst, die Ästhetik und Nutzen gewinnbringend vereint. Sie unterscheidet sich insofern von der bildenden Kunst, weil bei dieser der Nutzungsaspekt in der Regel entfällt. Wie aber verhält es sich dann bei „Kunst am Bau“? – Kann bildende Kunst, frei von Zweckbindung, ein Nutzbauwerk sinnvoll ergänzen?

Large Two Forms, ehem. Bundeskanzleramt, Bonn: Künstler: Henry Moore, 1979. Foto: Hans Weingartz / CC BY-SA 2.0 DE
Large Two Forms, ehem. Bundeskanzleramt, Bonn: Künstler: Henry Moore, 1979. Foto: Hans Weingartz / CC BY-SA 2.0 DE

In der Architekturgeschichte ist diese Frage eher rhetorischer Natur, denkt man an antike Tempel- oder Staatsbauten sowie an die Kirchbaukunst des Mittelalters. In Deutschland wurde erstmals mit einem Erlass der preußischen Regierung von 1928 verfügt, dass Bauten des Staates durch Kunstwerke ergänzt werden sollten. In der Nachkriegszeit knüpfte man an diese Tradition an, und es entstanden viele Skulpturen vor öffentlichen Gebäuden und an öffentlichen Bauwerken, die bis heute Bestand haben. Die Kunst hat sich immer wieder gewandelt; heute ist sie objektbezogener geworden, oft auch experimenteller und manchmal auch vergänglicher. Gleichwohl gilt nach wie vor: „Kunst am Bau“ entsteht in der Regel dort, wo der Staat entsprechende Projekte fordert und fördert. Ausnahmen bestätigen diese Regel, denn auch einige private Bauherren haben es sich zur Aufgabe gemacht, ihre Bauwerke mit Kunstprojekten zu verbinden, beispielsweise der Investor mfi Management für Immobilien aus Essen, der in den Jahren 2002–2013 regelmäßig einen hochdotierten „Kunst am Bau“-Preis vergab – so etwa im Jahr 2002 an den Künstler Bogomir Ecker für sein Werk „Aliud“ am Gebäude der Zentralen Polizeitechnischen Dienste NRW in Düsseldorf.

Bei uns in Nordrhein-Westfalen gibt es eine lange Tradition der „Kunst am Bau“. Eine Boomphase waren die 1950er und 1960er Jahre, in denen im Auftrag des Bundes zahlreiche Bauwerke für das Regierungsviertel in Bonn durch Kunstwerke angereichert wurden; man denke an die Skulptur „Large two forms“ von Henry Moore vor dem Kanzleramt in Bonn. Auch das Land Nordrhein-Westfalen hat in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder Kunstwettbewerbe durchgeführt.

Die systematische Förderung solcher Projekte hat uns wunderbare Kunstwerke beschert, die bis heute eine Bereicherung für den öffentlichen Raum und für die Bauwerke darstellen.

Exemplarisch genannt seien die grün-blaue Lichtinstallation von Dan Flavin im Wissenschaftspark Rheinelbe in Gelsenkirchen und das Landeswappen von Nordrhein-Westfalen im Landtag, das Ferdinand Kriwet aus 3.630 Aluminium-Zylindern gestaltete. Allein diese Beispiele mögen zeigen, wie unterschiedlich Kunst am Bau realisiert werden kann; vor allem wie unterschiedlich Kunst am Bau wirken kann.

Die genannten Kunstprojekte machen aber auch deutlich, dass die Verbindung künstlerischer Arbeiten mit Werken der Baukunst dann am überzeugendsten wirkt, wenn die Kunstobjekte nicht als Ergänzung einem bereits bestehenden Bauwerk hinzugefügt werden, sondern wenn beide Kunstwerke eine symbiotische Verbindung eingehen. Der Begriff „Kunst am Bau“ führt deshalb in die Irre, insinuiert er doch, dass erst der Bau steht und dann daran die Kunst angeheftet werde; dass sich die Künstlerin bzw. der Künstler gewissermaßen ex post an einem Bauwerk abarbeiten müsse. In der Tat führen Kunstwettbewerbe, die nach Fertigstellung eines Bauwerks ausgelobt werden, genau zu dieser Haltung und zu Ergebnissen, die in der Öffentlichkeit oftmals kritisch gesehen werden.

Architektinnen und Architekten entwerfen im Auftrag ihrer Bauherren und in Zusammenarbeit mit ihren Auftraggebern Gebäude in einer Form, Gestaltung und ästhetischen Sprache, die sie – zumindest unter optimalen Bedingungen – für die beste Lösung halten. Man könnte also folgern: Ein ergänzendes Element in Form eines wie auch immer gearteten Kunstwerks ist überhaupt nicht notwendig.

Die Architektenkammer Nordrhein-Westfalen verfolgt seit langem einen anderen Ansatz, der auf eine frühzeitige Abstimmung zwischen Architekten und Künstlern abzielt. Je früher entschieden wird, dass ein öffentliches Bauwerk mit einem Kunstobjekt verbunden werden soll, desto eher bietet ein gemeinsamer Erarbeitungsprozess die Chance, dass beide Disziplinen sich inspirieren und ein Bauwerk entstehen kann, dass (zumindest in bestimmten Bereichen) Bau und Kunst miteinander verschmelzen lässt. Ein junges, international beachtetes und mehrfach ausgezeichnetes Beispiel sind die sechs U-Bahnhöfe der neuen Wehrhahnlinie in Düsseldorf. Das gestalterische Konzept für die 2016 eröffneten U-Bahnhöfe wurde von netzwerkarchitekten in Darmstadt und den Künstlerinnen und Künstlern Heike Klussmann (Pempelforter Straße), Ursula Damm (Schadowstraße), Ralf Brög (Heinrich-Heine-Allee), Thomas Stricker (Benrather Straße), Manuel Franke (Graf-Adolf-Platz) und Enne Haehnle (Kirchplatz) gemeinsam mit den Ingenieuren entwickelt und realisiert.

Große Bauwerke waren immer schon Ergebnis eines interdisziplinären Prozesses.

Ausgehend von der mittelalterlichen Bauhütte über die Verbindung von Handwerk und Baukunst im Deutschen Werkbund und dem Bauhaus bis hin zu den arbeitsteiligen Prozessen des modernen Bauwesens, die der Branche und ihren Auftraggebern gegenwärtig wieder deutlich werden im Rahmen der Einführung des „Building Information Modeling“, eines computergestützten, kollaborativen Arbeitens in einem 3-D-Modell, in das jede beteiligte Disziplin unter der Systemführerschaft der Architektin bzw. des Architekten ihren spezifischen Beitrag einspeist. Wichtig ist stets, dass die leitenden Planerinnen und Planer ihre Partner frühzeitig einbeziehen (können), um bautechnische Fragen in gleicher Weise klären zu können wie ästhetische Fragestellungen des Entwurfs.

Die Architektenkammer Nordrhein-Westfalen ist vor diesem Hintergrund – wie viele andere –bereits vor Jahren dazu übergegangen, nicht länger von „Kunst am Bau“ zu sprechen, sondern von „Kunst und Bau“.

Wie also steht die Architektenkammer Nordrhein-Westfalen zu Kunst-und-Bau-Projekten?

  1. Kunst und Architektur gehören zusammen, sind zwei Seiten einer Medaille. Wenn Künstler und Architekten eng kooperieren, gelingt es in der Regel, ein überzeugendes, manchmal auch begeisterndes Ergebnis hervorzubringen. Dafür gibt es zahlreiche Beispiele. Natürlich gibt es auch hervorragende Kunst, die nachträglich erstellt wird. Oftmals handelt es sich dann aber um Skulpturen oder Bilder, die auch unabhängig von dem Bauwerk bestehen würden, für das sie geschaffen wurden. Ob das Bauwerk hingegen gewinnt, bleibt fraglich. Mit anderen Worten: Wünschenswert für Kunst-und-Bau-Projekte ist aus unserer Sicht eine frühe und enge Zusammenarbeit zwischen Künstlern und Architekten, damit nicht erst die Architektur kommt – und dann die Kunst hinterdrein.
  2. Wenn Kunst gelingt, gibt sie Anlass zur Freude – und zum intensiven Gedankenaustausch, manchmal auch zum Disput. Kunst-und-Bau-Projekte werden fast immer in der Öffentlichkeit bewusst wahrgenommen und in den örtlichen Medien diskutiert. Dies hat zur Folge, dass solche Projekte dazu beitragen, dass auch Architektur und Stadtentwicklung bewusst wahrgenommen werden, dass eine breite Öffentlichkeit sich mit Kunst und Architektur auseinandersetzt. Damit sind Kunst-und-Bau-Projekte also immer ein Gewinn für den baukulturellen Diskurs, für die Baukultur insgesamt.
  3. „Kunst und Bau“ braucht aktive und mutige Bauherren, die eine lebhaft geführte Diskussion nicht scheuen. Das gilt für private Bauherren genauso wie für die öffentliche Hand. Letztere aber hat aber eine besondere Vorbildfunktion. Insofern ist es zu begrüßen, wenn die lange und baukulturell durchaus stolze „Kunst am Bau“-Tradition fortgeführt wird. Mit Blick auf das künftige Kulturfördergesetz des Landes Nordrhein-Westfalen schlägt die Architektenkammer Nordrhein-Westfalen vor, den Terminus „Kunst und Bau“ für dieses Aufgabenfeld zu prägen.
  4. 4. Um Kunst-und-Bau-Projekte konsequent realisieren zu können, bedarf es einer festen Investitionsquote der öffentlichen Hand. In der „Bonner Republik“ gab es eine Quotenvorgabe; im Jahr 2006 hat sich der Bund als Bauherr einen neuen Leitfaden für die Durchführung von Kunstprojekten an seinen Bauten gegeben und darin einen festen Anteil von je nach Baukostenklasse 0,5 bis 1,5 Prozent der Baukosten (Kostengruppe 300/400) festgelegt. Auch einige deutsche Großstädte sind diesem Vorbild gefolgt; Hamburg und Düsseldorf verfügen über entsprechende Fördertöpfe, München und Dresden haben eine Quote von 1 Prozent definiert.
  5. Die Bemühungen der nordrhein-westfälischen Landesregierung, sparsam mit den Steuermitteln umzugehen und einen ausgeglichenen Haushalt anzustreben, sind zweifellos zu loben. Gleichwohl kann und darf sich das Land nicht aus seiner Verantwortung der aktiven Kunst- und Baukulturförderung stehlen. Der Anspruch, im Bereich der Landesbauten regelmäßig Kunst-und-Bau-Projekte durchzuführen, steht ausdrücklich in den „Baupolitischen Zielen des Landes Nordrhein-Westfalen“, die sich das Land bei der Gründung des Bau- und Liegenschaftsbetriebs des Landes Nordrhein-Westfalen (BLB NRW) selbst gegeben hat. Es handelt sich also um eine Selbstverpflichtung des Landes, die nicht einfach eingespart werden kann und darf.

Kunst-und-Bau-Projekte schaffen einen kulturellen Mehrwert – für das jeweilige Bauwerk, oftmals auch für den umgebenden Stadtraum. Die Förderung der Kultur und der Baukultur ist eine öffentliche Aufgabe, die im Interesse der Allgemeinheit liegt.

Die staatlichen Institutionen sind deshalb auf allen Ebenen dazu verpflichtet, entsprechende Projekte zu ermöglichen. De facto bedeutet dies, dass eine transparente, verlässliche Förderung für Kunst-und-Bau-Projekte festgelegt werden muss. Denn wenn Architektinnen und Architekten sowie Künstlerinnen und Künstlern von vornherein bewusst ist, dass ein Bauwerk der öffentlichen Hand mit Kunst verbunden werden soll, können sich beide kreativen Seiten ganz anders auf die Zusammenarbeit einstellen. Dann kann das Werk von vornherein intensiv gemeinschaftlich entwickelt werden. Dann kann es zu einer echten Synergie von Architektur und Kunst kommen.

Kunst-und-Bau-Projekte haben eine starke öffentliche Präsenz; oftmals fallen sie ins Auge und entfalten vielfältige Wirkungen in ganz unterschiedliche Richtungen. Sie inspirieren Künstler und Kreative, Architekten und Stadtplaner. Sie bereichern den öffentlichen Raum und können Bauwerken einen unverwechselbaren Charakter verleihen.

Sie verstärken auch die Wahrnehmung und Reflexion über das Bauen bei öffentlichen Auftraggebern und stärken die Bereitschaft, einen offenen Diskurs über die künstlerische Qualität von Architektur zu führen, über die baukulturelle Bedeutung eines öffentlichen Bauwerks insgesamt. Wenn der öffentliche Auslober auch über Kunst und Bau nachdenken muss, ist die Gefahr geringer, dass sich die Verantwortlichen allein in finanziell-kaufmännischen Erwägungen verlieren. Dazu muss Kunst mit dem Bauwerk eine echte Verbindung eingehen. Das kann attraktiv und ansprechend, aber auch provokativ und kontrovers sein, wie etwa die figurative Monumentalplastik „Herkules“ von Markus Lüpertz auf dem Turm der ehemaligen Zeche Nordstern in Gelsenkirchen. Denn anders als Henry van de Velde meinte, muss Kunst nicht unbedingt schmücken. (Der österreichische Architekt Adolf Loos veröffentlichte übrigens in der gleichen Zeit seinen Aufsatz „Ornament und Verbrechen“, in dem er das rein dekorative Verzieren von Architektur radikal ablehnte.)

Kunst muss nicht „schön“ sein. Sie muss vielmehr etwas in uns auslösen, anregen, vielleicht aufregen. Solange ihr dies gelingt, ist ihre grundsätzliche gesellschaftliche Relevanz nicht infrage gestellt, wird sie die Gesellschaft dauerhaft inspirieren und bereichern.

Vita

Ernst Uhing, Präsident der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen. Foto: Frauke Brenne
Ernst Uhing, Präsident der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen. Foto: Frauke Brenne

Dipl.-Ing. Ernst Uhing, Architekt BDB, ist seit 2013 Präsident der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen (AKNW). Nach verschiedenen beruflichen Stationen in leitender Funktion in der freien Wirtschaft sowie im Öffentlichen Dienst ist Uhing seit 2000 Technischer Geschäftsleiter der „Hagener Gemeinnützigen Wohnungsgesellschaft mbH“. Ernst Uhing ist Vorsitzender des Aufsichtsrats der Akademie der AKNW gGmbH, des Verwaltungsausschusses des Versorgungswerks der AKNW, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutscher Architekten und Mitglied im Vorstand der Bundesarchitektenkammer. Seit 2018 ist er zudem Vorsitzender der Gesellschafterversammlung der Baukunstarchiv NRW gGmbH. Der Träger des Bundesverdienstkreuzes am Band ist verheiratet und lebt in Lüdenscheid.

Dieser Beitrag erschien in der Publikation: Ohne Kunst kein Bau! Kunst-und-Bau-Projekte in Nordrhein-Westfalen 2007-2019

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