DIEDRITTEDIMENSION, Justizvollzugsanstalt Ratingen, Künstler: Markus Linnenbrink.

Kunst und Bau – ein Ausdruck lebendiger Baukultur

Ohne Kunst kein Bau! Ein Kommentar von Peter Köddermann, Geschäftsführer Programm von Baukultur Nordrhein-Westfalen

Wo begegnet Ihnen Kunst? In Museen oder Galerien? Vielleicht existiert Kunst auch in Ihrer direkten Nachbarschaft? Dem Rathaus Ihrer Stadt oder dem nächstgelegenen Justizzentrum? Auch Hochschulen, Krankenhäuser oder Einkaufszentren können spannende Orte für Kunst sein. Nicht als Ausstellungsräume, sondern weil die Architektur des Gebäudes in der Auseinandersetzung mit Kunst entstanden ist. Weil Künstler die Möglichkeit bekamen sich mit einem Ort, einem Gebäude, seiner Funktion und seinen Nutzern aus einer künstlerischen Perspektive auseinanderzusetzen.

Die Verbindung von Kunst und Architektur ist wie die Kunst im öffentlichen Raum immer präsent und sehr einfach erfahrbar. Sie begegnet uns in öffentlichen Gebäuden, Ämtern, Einkaufszentren oder auch in Unternehmenszentralen und Bankfilialen. Sie lässt uns innehalten, stellt Fragen oder irritiert. Dabei ermöglicht sie uns eine kurze Atempause. Auf diesem sehr simpel erscheinenden Weg verwandeln Kunstwerke oder künstlerische Interventionen alltägliche, manchmal unscheinbare oder rein funktionale Orte in sensible, überraschende und nachdenkenswerte Räume.

Kunst und Bau gehen im besten Fall eine Symbiose ein, die mehr ist als die Summe ihrer Einzelteile. So wird die Identifikation mit einem Ort gefördert, was zur Nachhaltigkeit von Bauwerken führt.

In der künstlerischen Auseinandersetzung mit einem Bauwerk verarbeiten Künstler gesellschaftliche Fragen und können der Architektur eine tiefere Sinnebene verleihen. Es handelt sich dabei immer um eine persönliche Auseinandersetzung von Künstlern mit Architekten und Bauherren an einem bestimmten Ort. Dabei werden mindestens drei Zugänge auf ein Bauwerk hinterfragt

Die Symbiose von Kunst und Architektur ist dabei so alt wie das Bauen selbst. Sie erfuhr in den einzelnen Epochen der Architekturgeschichte jedoch unterschiedlich starke Ausprägungen. Und immer haben Künstler, Architekten und Bauherren davon profitieren können. Im 19. Jahrhundert – mit einem veränderten Selbstverständnis des Künstlers, das mit dem Bestreben nach Autonomie der Kunst einherging, und mit den Entwicklungen und Innovationen in der Architektur – entfernten sich beide Professionen voneinander. Der Erste Weltkrieg mit seinen verheerenden Folgen bedeutete eine tiefe Zäsur sowohl im künstlerischen Selbstverständnis als auch in der sehr prekären Auftragslage für Künstlern. Daher riefen die Politiker der Weimarer Republik 1920 das Programm „Kunst am Bau“ ins Leben. Es sollte bildende Künstler in Bauwerke miteinbinden und ihnen so Aufträge und damit finanzielle Unterstützung zukommen lassen. So gab eine politische Initiative den Impuls für eine neue Form der Auseinandersetzung zwischen Kunst und Architektur, zwischen Künstlern, Architekten und Bauherren. Dieses Programm steht bis heute, wenn auch mit Brüchen, für 100 Jahre Kunst und Bau in Deutschland. Denn nach dem Zweiten Weltkrieg entschlossen sich die politischen Vertreter der Bundesrepublik Deutschland Anfang der 1950er Jahre das Programm „Kunst am Bau“ zur Förderung und Finanzierung bildender Künstler wieder aufzulegen. Aber auch die jüngeren Architekten dieser Zeit standen Kunst-und-Bau-Prozessen als Gemeinschaftswerk von Architekten und Künstlern sehr offen gegenüber,sahen sie darin doch die Wiederbelebung des großen Gedankens vom Bau als Gesamtkunstwerk aller am Bau beteiligten _eine Idee, die schon Walter Gropius schon im Bauhaus versucht hatte zu etablieren. 

Die Architektur des Musiktheaters im Revier in Gelsenkirchen von Werner Ruhnau ist nicht ohne die riesigen Kunstwerke von Yves Klein, Norbert Kricke oder Jean Tinguely zu verstehen und zu bewerten. Die Fassade des Parkhauses am Justizzentrum in Aachen verlöre ihre Wirkung und Strahlkraft ohne die Gestaltung von Rémy Zaugg. So wertet Kunst und Bau die Bedeutung von öffentlichen Gebäuden auf, mal auf unerwartete, vielleicht sogar irritierende Art, mal zur Stärkung der baulichen oder funktionsgebundenen Qualität des Bauwerks. Gleichzeitig erfüllt Kunst und Bau einen gesellschaftlichen Auftrag, der immer Teil eines öffentlichen Gebäudes sein sollte: Die Kunst und die Architektur bilden einen Spiegel der Gesellschaft, ihrer sozialen Situation, ihrer baulichen Möglichkeiten und ihrer kulturellen Verfasstheit.

Die Prozesse, wie Kunst und Architektur, wie Künstler und Architekten zusammenkommen, können sehr unterschiedlich sein.

Ihnen voran geht der Wille von Bauherr, Architekt und Künstler sich auf das Spannungsverhältnis von Kunst und Bau sowie aufdie unterschiedlichen Perspektiven und Prozessabläufe einzulassen. Erst dann beginnt der Weg des Zusammenspiels, wie sich wer mit wem und wann trifft, um Kunst und Bau zu realisieren. Dabei kann der Zeitpunkt der Zusammenarbeit von Künstler, Architekt und Bauherrn sehr unterschiedlich sein. Sinnhafte Impulse können entstehen, wenn die Beteiligten bereits in der Entwurfsphase des Bauprojektes auf Augenhöhe zusammenkommen, aber auch erst nach Fertigstellung des Bauwerks. Je früher die Zusammenarbeit beginnt, desto größer der Spielraum für die Art der Einbindung, für künstlerische Aspekte und Perspektiven sowie für die Möglichkeiten,ein dem Projekt angemessenes Auswahlverfahren durchzuführen.

Die Planungs- und Bauprozesse von Architektur unterliegen anderen Regeln und unterscheiden sich daher substanziell von künstlerischen Prozessen. Genau hieraus ergibt sich einerseits das Spannungsverhältnis zwischen den Akteuren, andererseits kann daraus auch der Mehrwert für das gebaute Resultat entstehen. Nicht selten treffen räumliche Vorstellungen auf gesellschaftliche Bezüge aus differenten Perspektiven. Industrialisierte Bauprozesse scheinen handwerklichen Techniken der Künstler gegenüberzustehen.

Auf der einen Seite stehen bauwirtschaftliche und ökonomische Zwänge, auf der anderen Seite kreative Ideen, ihre Entwicklung und Fertigung.

Das Zusammenspiel aller Faktoren bei Kunst und Bau weitet letztendlich die Horizonte aller beteiligten Akteure und lässt immer wieder einzigartige und nachhaltige Räume und Orte entstehen.

Ein wichtiger Motor für Kunst-und-Bau-Programme in Deutschland waren immer die Politik und die ihr angeschlossenen staatlichen Bauprogramme. Während der Bund noch heute in seinen Bauprojekten Kunst und Bau fördert, bestehen im Land Nordrhein-Westfalen nur noch selten Möglichkeiten Kunst-und-Bau-Objekte zu realisieren – und dies obwohl das Programm Teil der baupolitischen Ziele des Landes ist. Das hat mittlerweile zu einem Verlust der öffentlichen Wahrnehmung geführt. Die Anzahl der Bauherren – private und öffentliche –, die Kunst und Bau als einen nachhaltigen Prozess, der langfristig einen Mehrwert für das Bauwerk bedeutet, begreifen, ist überschaubar geworden. Diese Situation ist vor allem deshalb als tragisch zu bezeichnen, weil viele aktuell gebaute Architekturen immer uniformierter, gleichförmiger oder als auf reine Funktion ausgerichtete Baukörper anmuten. Kurzfristig gedachte ökonomische Zwänge scheinen oftmals Prozesse der Entstehung von Alltagsarchitekturen zu bestimmen.

Kunst-und-Bau-Objekte werden letztendlich nur in situ sicht- und wirklich begreifbar. Erst vor Ort wird die Spannung erlebbar, mit der Künstler und Architekten Räume und Ideen gestaltet haben.

Allen Beteiligten an Kunst-und-Bau-Prozessen ist aus Sicht der Baukultur ein großer Dank auszusprechen. Ihre Mitarbeit bestätigt die Wertschätzung von Kunst und von Architektur, und dies ist der Hauptimpuls für Baukultur, die bestimmt ist durch kontinuierliche Qualifizierung des Bauens und der Wertschätzung von Gebautem.

Es wird für die Zukunft von großer Bedeutung sein, der Auseinandersetzung zwischen Architektur und Kunst wieder mehr Raum zu geben. Unser aller Ziel sollte es sein, Architektur und Kunst weiterhin als ein wesentliches Element der Baukultur zu begreifen.

Eine Grundvoraussetzung für Kunst-und-Bau-Projekte im Land besteht in einer klaren finanziellen Wertschätzung. Dies könnte durch eine Wiedereinführung von Prozentregelungen für das Programm oder aber auch durch einen Fond oder andere Beteiligungssysteme gewährleistet werden. Eine weitere Voraussetzung ergibt sich aus dem Willen, bestehende Bewertungskriterien für das Bauen zu hinterfragen und mit baukulturellen Ansprüchen zu ergänzen. 

 Ohne Kunst kein Bau!

 

Peter Köddermann, Geschäftsführer Programm bei Baukultur Nordrhein-Westfalen. Foto: Samuel Becker
Peter Köddermann, Geschäftsführer Programm bei Baukultur Nordrhein-Westfalen. Foto: Samuel Becker

Peter Köddermann ist seit 2019 Geschäftsführer Programm von Baukultur Nordrhein-Westfalen e. V., einem Zusammenschluss StadtBauKultur NRW mit dem M:AI Museum für Architektur und Ingenieurkunst des Landes Nordrhein-Westfalen, für das er bereits seit 2005 als Programmleiter, Kurator und stellvertretender Geschäftsführer tätig war. Peter Köddermann studierte Geschichte und Sozialwissenschaften an der Ruhr-Universität Bochum. Von 1995 bis 2000 arbeite er in unterschiedlichen Funktionen für die Internationale Bauausstellung Emscher Park (IBA). Im Anschluss war er geschäftsführender Gesellschafter der Agentur Zeitsprung und tätig im Regionalmarketing Ruhrgebiet sowie Gastdozent an der Ruhr-Universität Bochum. Im Rahmen der benannten Tätigkeiten war Peter Köddermann beteiligt und verantwortlich für zahlreiche Ausstellungsprojekte, Veranstaltungsformate und Publikationen.

Dieser Beitrag erschien in der Publikation:Ohne Kunst kein Bau! Kunst-und-Bau-Projekte in Nordrhein-Westfalen 2007-2019

 

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