Johannes Wald: Res Nullius, Justizzentrum Bochum, 2018. © VG Bild-Kunst, Bonn. Foto: Maximilian Meisse

Kunst als identitätstiftendes Moment im öffentlichen Bauen

Gabriele Willems, Geschäftsführerin des Bau- und Liegenschaftsbetriebs NRW, über die Verantwortung der öffentlichen Hand für Kunst und Bau

Wir geben dem Land Nordrhein-Westfalen seinen Raum. Der Bau- und Liegenschaftsbetrieb des Landes Nordrhein-Westfalen (BLB NRW) plant, baut und betreibt Gebäude für die öffentliche Hand – und ist damit unter den wachsamen Augen der Öffentlichkeit vor allem auch stets einem Wirtschaftlichkeitsgebot ausgesetzt. Wo Geld für so vieles fehlt, wo jeder Quadratmeter mehr für den Nutzer vorsichtig abgewogen werden muss: Darf da auch noch der Kunst Raum gegeben werden?

Stellen wir uns dem Thema von einer anderen Seite. Öffentlicher Bau ist nicht bloß Kostenfaktor, er dient vor allem einem Zweck. Behörden, Gerichte, Universitäten sind Orte der Begegnung, des Dialogs und auch der Auseinandersetzung. Orte, an denen jene, die den Staat repräsentieren, jeden Tag auf die treffen, die diese Demokratie tragen. Muss die Frage nicht lauten: Wo kann Kunst besser ihre Aufgabe erfüllen, wo ist Kunst wichtiger als hier?

Mit gutem Grund zählt, neben dem verantwortungsvollen Umgang mit unseren Ressourcen, auch die Umsetzung der baupolitischen Ziele des Landes zu unserem Auftrag. Und in einer lebendigen Demokratie gehört hierzu nicht einfach nur, Büroflächen zu schaffen. Gebäude können die Art und Weise prägen, wie Menschen sich begegnen und zu einem gemeinsamen Selbstverständnis finden, als Team, als Behörde, als Gesellschaft. Öffentlicher Verwaltung einen Raum mitten in der Gesellschaft zu geben, ist deshalb nicht bloß die Kür, der wir uns widmen können, wenn das Pflichtprogramm abgehakt ist. Es ist Kernaufgabe. Alles, was der BLB NRW baut und bewirtschaftet, dient in der einen oder anderen Form dem Dialog und muss sich dieser Aufgabe von den ersten Planungsschritten bis zum Abriss permanent stellen. Das muss nicht zwingend über die Kunst geschehen. Aber ohne sie?

Damit will ich nicht sagen, dass Kunst unsere Aufgabe einfacher macht.

Das identitätsstiftende Potenzial von Kunst wirkungsvoll zu nutzen, ist eine gewaltige Herausforderung. Im Kontext eines öffentlichen Gebäudes muss Kunst ja als konstruktive Auseinandersetzung mit dem Kunden und dort besonders mit den täglich ein- und ausgehenden Mitarbeitenden ebenso gelingen wie mit einer häufig wechselnden Öffentlichkeit, die aus ganz eigenen und unterschiedlichen Motiven vorübergehend diesen Ort aufsucht.

Das kann nur gelingen, wenn wir vom ersten Moment an den Dialog suchen mit den Menschen, die Kunst am Bau am meisten betrifft, die ihre Bedürfnisse genau beschreiben und die auch „ihre“ Öffentlichkeit am besten kennen: mit den Nutzern unserer Gebäude. Im Idealfall entscheiden die zukünftigen Mieter schon vor Beginn der eigentlichen Bauplanung bei der Aufgabenstellung an den Bauherrn und die Architekten, ob ihr Projekt grundsätzlich für Kunst und Bau infrage kommt. Ohne ihre aktive Mitwirkung wird kaum ein Kunstprojekt zustande kommen. Und nicht selten geht Kunst am Bau auch auf Mitarbeitende zurück: Nicht alle Objekte sind das Ergebnis von Kunst-und-Bau-Wettbewerben, besonders in Hochschulen entsteht Kunst immer wieder auch aus der Initiative eines Instituts, eines Fachbereichs, eines Seminars heraus. Wir begrüßen diese Initiativen und unterstützen sie, wo es uns möglich ist.

Selbst wenn auch beim „klassischen“ Kunst-und-Bau-Projekt nicht selten die Anregung von den Mietern ausgeht, gilt es hier für Bauherren und Planer, Vorbehalte und Skepsis der zukünftigen Nutzer zu überwinden und Begeisterung zu wecken. Hinter diesen steht meist die Befürchtung, sich mit dem Wettbewerb vollständig in die Hand einer Fachjury zu begeben und deren Entscheidung kaum beeinflussen zu können. Zwar wird kein Preisgericht und kein Bauherr eine Entscheidung gegen die Nutzer fällen und durchsetzen:

Ein Kunstwettbewerb ist und bleibt aber ein Wagnis, auf das es sich einzulassen gilt. Ein lohnendes Wagnis aber, vor allem wenn diejenigen, die mit dem Kunstwerk leben werden, sich tatsächlich einbringen und intensiv beteiligen. Erfolgreiche Kunstprojekte werden vom besonderen Engagement einzelner Personen, der Nutzer, Planer und Bauherren getragen.

Wer sich hier engagiert, merkt schnell: Die Aufgabenstellung kann wesentlich offener sein als das Bauprogramm, weil sie nicht durch funktionale Anforderungen bestimmt ist. Offen bedeutet nicht beliebig:

Wenn die Künstler in die Lage versetzt werden, wirklich zu verstehen, was in dem neuen Haus geschehen wird, können sie über ihre Arbeiten in einen intensiven Dialog mit den Benutzern treten.

Wir erleben, dass gerade dort, wo der Realisierung eines Kunstwerks intensive Diskussionen vorausgegangen sind, im Ergebnis eine besondere Identifikation entsteht. Und es kann durchaus geschehen, dass Bauherr und Jury durch ihren Mut, eine provokative Arbeit auszuwählen und zu realisieren, selbst den Künstler verblüffen können – wie Pfelder, der seinem streitbaren Beitrag „Sicher und Offen“ für die Bundespolizei Aachen selbst keine Chancen eingeräumt hatte. Das Votum für den Entwurf aber war einstimmig.

Neue Kunstformen lösen sich möglicherweise von der Gestaltung einzelner Bauelemente, nehmen dafür aber in einem ideellen Sinn besonderen Bezug zum Haus und seinen Nutzern.

Ein herausragendes Beispiel hierfür ist für mich die Arbeit „Res Nullius“ von Johannes Wald im neuen Justizzentrum Bochum.

Johannes Wald: Res Nullius, Justizzentrum Bochum, 2018. © VG Bild-Kunst, Bonn. Foto: Maximilian Meisse
Johannes Wald: Res Nullius, Justizzentrum Bochum, 2018. © VG Bild-Kunst, Bonn. Foto: Maximilian Meisse

Johannes Wald ist Bildhauer, seine Arbeit für Bochum ist aber von „klassischer“ Bildhauerei weit entfernt. Sie lädt die Beschäftigten wie die Besucher auf leise und eindringliche Art ein: Wald ließ fünf Texte zu Recht und Gerechtigkeit drucken – allesamt Klassiker der deutschen Literatur. Sie werden einzeln in den Besucherzonen des Gebäudes ausgelegt und wirken wie vergessen – oder eben wie niemandes Eigentum. Die Druckplatten der Bücher sind in Vitrinen ausgestellt, dazu kommen großformatige Architekturfotos der Innenräume, auf denen die „verlorenen“ kleinen Bücher irgendwo zu finden sind. Eine Erklärung erhalten die Besucher nicht. Ihnen bleibt die Entscheidung, ob sie die Fundstücke ignorieren, sie sich durch Lesen aneignen, womöglich mitnehmen, an der Pforte abgeben … eine ganz praktische Auseinandersetzung mit Themen, die hier verhandelt werden.

Die Arbeit lebt davon, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Justiz bereit sind, durch Auslegen der Bücher, durch Dokumentation und Archivierung von Reaktionen mitzuwirken. Kann so etwas funktionieren?

Ja, es kann! Wer sich mit den Menschen unterhält, die sich für dieses zunächst umstrittene Projekt eingesetzt haben, spürt eine ansteckende Begeisterung – und versteht, wie dieses Kunstwerk zu einem Projekt des gesamten Hauses werden konnte, das von vielen unterstützt und getragen wird. Und dieser Erfolg macht auch deutlich: Schon der Entscheidungsprozess kann eine identitätsstiftende Leidenschaft befördern, die man in Besprechungen über Raumschlüssel oder Brandschutzmaßnahmen vergeblich suchen wird.

Pia Stadtbäumer: durch die Wand, Amtsgericht Lennestadt, 2007. © VG Bild-Kunst Bonn 2020, Foto: Jörg Fallmeier, BLB NRW
Pia Stadtbäumer: durch die Wand, Amtsgericht Lennestadt, 2007. © VG Bild-Kunst Bonn 2020, Foto: Jörg Fallmeier, BLB NRW

Nicht immer läuft es so ideal. Manches Kunstobjekt ist von Anfang an umstritten und bleibt es, hat leidenschaftliche Bewunderer und trifft auf heftige Ablehnung, so wie etwa ein halbes Bronzepferd an einem Amtsgericht. Ich lege Wert darauf: Das darf ruhig mal sein! Kunst muss nicht bei jedem die gleichen Gefühle auslösen und allumfassender Konsens ist in einer Demokratie weder Voraussetzung für Dialog noch Ziel. Dennoch fordert Kunst am (öffentlichen) Bau hier eine Gratwanderung, die sich in einem Museum in dieser Form nicht stellt: Menschen können ihr nicht ausweichen, sie setzen sich ihr nicht freiwillig aus.

Die Öffentlichkeit, die wir Kunst bieten können, bedeutet also auch Verantwortung.

Verantwortung aber nicht nur deshalb, weil Kunstwerke polarisieren können, sondern auch, weil sie sich in ihren stärksten Momenten mit unserer Wahrnehmung von Einrichtungen des Landes nachhaltig und untrennbar verknüpfen können: Wir verbinden die Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf mit dem Roy-Lichtenstein-Foyer, die Universität zu Köln mit der Albertus-Magnus-Statue von Gerhard Marcks, die Ruhr-Universität Bochum mit der großen farbigen Vasarely-Wand und ihren Plastiken im Außenraum. Werke, die im Falle ihres Verlusts eine Wunde hinterlassen würden.

Wie wichtig diese auch in einer breiteren Öffentlichkeit identitätsstiftende Wirkung ist, zeigt eine ältere Arbeit in Bielefeld: die große Installation „Spheres Trames“ aus dem Jahr 1962 von Francois Morellet. Am Standort der ehemaligen Fachhochschule durch Vandalismus beschädigt, war sie Gegenstand regelmäßiger Anfragen aus Bürgerschaft, Presse und örtlicher Politik, die zeigen, wie fest die Skulptur im kollektiven Bewusstsein der Stadtgesellschaft verankert ist. Nun soll die Installation restauriert und mit dem Einverständnis der Verwaltung des Morellet-Nachlasses in einen geschützten Innenhof der neuen Fachhochschule versetzt werden. Bereits vor einigen Jahren ist etwas Ähnliches für ein anderes großes Objekt aus einer Hochschule, eine sphärische Hohlspiegelwand von Adolf Luther in der Fernuniversität Hagen, gelungen. Sie musste wegen eines Umbaus von ihrem ursprünglichen Standort weichen und fand neue Verwendung in der Mensa der Universität – heute verleiht sie dem langgestreckten Raum Weite und einen geradezu festlichen Charakter. 

Das Inventarverzeichnis des BLB NRW umfasst mehr als 650 Werke, die im Rahmen von „Kunst und Bau“ entstanden sind und für die wir Verantwortung tragen. Umbau, Abriss, Verkauf von Gebäuden, Aspekte des Brand- und Unfallschutzes können den Bestand von Kunst an „ihrem“ Ort ebenso infrage stellen wie die Gefährdung des Werks durch Vandalismus. Wir untersuchen in jedem Fall, ob und wie das Werk aus dem baulichen Zusammenhang zu lösen ist, lassen es begutachten und suchen nach einer neuen Verwendung, die seinem Charakter und der ursprünglichen künstlerischen Intention möglichst nahe kommt. In einzelnen Fällen können auch durch Kooperation mit kommunalen Einrichtungen gelungene Lösungen gefunden werden, um Werke auch weiterhin der Öffentlichkeit zu erhalten: So fand eine Arbeit von Francois Morellet ihren Weg von der Stadt zu einem Finanzamt; und eine von Unbekannten beschädigte Plastik von Norbert Kricke konnte über einen Leihvertrag eine sichere Heimat in Gelsenkirchen finden. Die Entscheidung, ein Kunstobjekt abschließend zu dokumentieren und aufzugeben, machen wir uns nicht leicht.

Überhaupt ist es nicht leicht mit der Kunst am Bau. Aber wenn wir unsere Aufgabe, dem Land Nordrhein-Westfalen seinen Raum zu geben, in ihrer ganzen Bedeutung und Tragweite erkennen, wenn wir auch weiterhin Orte schaffen wollen, an denen Menschen miteinander in Dialog treten und zu einer Gemeinschaft werden können, dann müssen wir zugeben: Es ist bedeutend schwerer ohne.


Vita

Gabriele Willems, Geschäftsführerin beim Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW
Gabriele Willems, Geschäftsführerin beim Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW

Gabriele Willems ist seit 2015 Geschäftsführerin beim Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW. Die Diplom-Ingenieurin und Architektin mit einem Master in Technischem Vertrieb hatte seit 1998 Leitungsfunktionen in der HOCHTIEF AG und diversen Gesellschaften des Konzerns inne. Als Leiterin Produktmanagement war sie zuvor elf Jahre bei G+H ISOVER. Gabriele Willems ist Mitglied des Aufsichtsrates des Universitätsklinikums Münster, des Kuratoriums der Landesinitiative StadtBauKultur 2020 sowie des Beirats Partnerschaften Deutschland. Darüber hinaus ist sie Mitherausgeberin des Buches „Die Kulturimmobilie: Planen – Bauen – Betreiben. Beispiele und Erfolgsrezepte“.

Dieser Beitrag erschien in der Publikation:Ohne Kunst kein Bau! Kunst-und-Bau-Projekte in Nordrhein-Westfalen 2007-2019

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